Laetare, Jerusalem! Predigt zum 4. Fastensonntag – SJM – Servi Jesu et Mariae
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Laetare, Jerusalem! Predigt zum 4. Fastensonntag

Von P. Daniel Artmeyer SJM

Liebe Brüder und Schwestern,

Laetare, Jerusalem! Freue dich, Jerusalem! Kommt alle zusammen, die ihr sie liebt. Freut euch, die ihr traurig wart; frohlockt und trinkt euch satt am Überfluss ihres Trostes!

Am heutigen Laetare-Sonntag sollen wir uns freuen. Wir sollen uns freuen an der Kirche, dem neuen Jerusalem. Wir sollen uns an ihren Schätzen sättigen. Das klingt in diesen Tagen, in denen die Kirche verpflichtet ist, die Gläubigen von der Mitfeier der Hl. Messe auszuschließen, fast ein wenig zynisch. Doch Gott ist immer größer. Er kann uns auch in der Krise, im Leiden, in der Entbehrung zur wahren Freude führen. Die wahre, geistige Freude ist mehr im Verstand als im Gemüt begründet. Sie ist eine Frucht des Gebetes, vor allem des betrachtenden Gebetes. Wer tief im Herzen Gott kennt, Seinem Wesen auf die Spur kommt, hat allen Grund zur Freude, unabhängig von seinen irdischen Nöten.

In dieser Fastenzeit der besonderen Art sind die Gläubigen zu einem eucharistischen Fasten verpflichtet. Wie das Fasten im Allgemeinen, so kann auch dieses Fasten zu einem tieferen Bewusstsein, zu einem regelrechten Hunger nach Gott führen; so kann auch diese Prüfung geistlich fruchtbar sein. Die Fastenzeit kommt nämlich in ihren liturgischen Texten immer wieder auf dieses Thema zu sprechen: Gott ernährt sein Volk. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Heilsgeschichte und mündet schließlich in die Einsetzung der hl. Eucharistie. Diese ist zugleich bleibende Gegenwart des Herrn, das sich stets erneuernde Opfer Christi und die himmlische Speise unserer Seele. Heute stellt uns das Evangelium ein Vorausbild dieser Speise vor Augen, das Jesus benutzt um die Menschen zum eucharistischen Glauben zu führen: die wunderbare Brotvermehrung.

Jesus tut hier drei Dinge: 1. Jesus fordert uns heraus, 2. Jesus wirkt durch die Vermittlung eines Kindes, 3. Jesus speist im Überfluss.

  1. Jesus fordert uns heraus. Stellen wir uns die Situation einmal vor. Viele tausend Menschen waren Jesus den ganzen Tag gefolgt. Jetzt ist es Abend geworden. Sie sind müde und ermattet, hungrig und durstig und doch können sie sich nicht dazu entschließen, fort zu gehen. Voll Mitleid sagt Jesus zu seinen Jüngern: Schaut, sie sind wie Schafe ohne Hirten. Dann die unmögliche Forderung: Woher werden wir Brot kaufen, dass sie zu essen bekommen? Bei den Synoptikern sogar noch fordernder: Gebt ihr ihnen zu essen! 5000 hungrige Männer, plus Frauen und Kinder. Die Apostel kratzen ihr Geld zusammen: gerade einmal zweihundert Denare. Das reicht nie! Unmöglich! Wir Priester erleben in der Seelsorge auch immer wieder Situationen, in denen wir nach menschlicher Überlegung sagen müssen: unmöglich! Und auch Sie werden solche Situationen aus Ihrem Leben kennen. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Mann hier in der Nähe, der der Kirche immer sehr feindlich gesinnt war. Eines Tages habe ich mit ihm ein Krankenhauszimmer geteilt. Ein Mitbruder brachte mir die Krankenkommunion und fragte auch meine Zimmergenossen, ob sie kommunizieren möchten. Darauf rief der Mann höhnend: Nein, ich bin Atheist! Als ich nach einigen Monaten hörte, dass der Herr verstorben war, erkundigte ich mich, wie es ihm noch ergangen war. Man erzählte mir, dass einige Frauen von der Legio Mariens ihn noch in seinen letzten Tagen besucht hatten. Das berührte ihn so sehr, dass er nun doch den Pfarrer holen ließ, um seinen Frieden mit Gott zu schließen. So wurde er gleichsam ein wahrer Arbeiter der letzten Stunde. Was menschlich unmöglich schien, war für Gott ein Leichtes. Gott hat immer einen Plan und dieser Plan ist immer gut!
  2. Und er will diesen Plan umsetzen durch die Vermittlung von Kindern. Das Wunder der Brotvermehrung wird ermöglicht durch die fünf Brote und zwei Fische eines Knaben. Für uns Erwachsene sind Kinder noch „kleine Menschen“, die halt noch groß werden müssen. In der Verkündigung Jesu nehmen sie einen sehr viel wichtigeren Platz ein. Er gibt sie uns zu Vorbildern, macht das „Kind-Sein“ (im weiteren Sinne) zur Bedingung um in den Himmel zu kommen. Mir scheinen zwei kindliche Eigenschaften hierfür entscheidend zu sein. Eines der ersten Worte meines kleinen Neffen war „Selber!“. Warum soll man sich auch füttern lassen, wenn man schon selbst den Löffel halten kann!? Kinder preschen selbstbewusst vorwärts und lernen gerade auch durchs eigene Tun. Sie berechnen dabei nicht, dass ihr Beitrag oft sehr unvollkommen und fehlerhaft ist. Was soll´s, wenn mal etwas vom Karottenpüree daneben geht, Mama ist ja auch noch da. Und das wäre die zweite Eigenschaft: Kinder wissen sich immer getragen, unterstützt und geliebt. Und da können wir viel von ihnen lernen. Tu was du kannst – und wäre es auch noch so wenig, aber vergiss nicht: Gott ist auch noch da! Der Apostel Andreas hätte in seiner erwachsenen Nüchternheit den kleinen Bub wohl am liebsten mit seinen Broten und Fischen wieder zurück zu seiner Mutter geschickt. Pah, was ist das für so viele! Aber Jesus sieht die erwartungsvollen Augen des Knaben und ergänzt was noch fehlt durch sein Wunder.
  3. Und so speiste Jesus Tausende, im Überfluss. Und er tut damit etwas, was Gott schon die ganze Heilsgeschichte mit großer Freude tut. Er erfüllt das Grundbedürfnis des Menschen, um uns deutlich zu machen, dass er weiß was wir brauchen und immer da ist. Immer, auch in Zeiten von Corona. Auch in Zeiten, in denen er nicht leibhaftig zu uns kommen kann, nährt er uns; wenn wir uns durch Ihn herausfordern lassen, wenn wir wie ein Kind freimütig einbringen was wir können, alles Übrige aber von Ihm erwarten!

Amen.