15. September 2004,
Fest der Sieben Schmerzen Mariens
Liebe Jungen und Mädchen!
Nachdem P. Hönisch über mehrere Jahre Rundbriefe an Euch
schickte, hat ihn P. Schindele abgelöst. Da nun auch er durch seine
Tätigkeiten in der SJM kaum mehr Zeit hat, dieser Aufgabe
nachzukommen, hat er mich gebeten einzuspringen, zumal er auch weiß,
dass mir die Marienweihe und die damit verbundene „Erneuerung der
Jugend in Christus durch Maria“ ein besonderes Anliegen ist. Ich
habe selbst mit etwa zehn Jahren diese Marienweihe abgelegt und kann
nicht umhin, diese Weihe als den roten Faden meines Lebens zu sehen,
der mich immer wieder auf den rechten Weg zurückgeführt hat.
Vielleicht kennt ihr das Märchen vom Gewand des Glücks. Darin
wird erzählt, dass ein junger Mann von der Existenz eines Gewandes
erfährt, welches den, der es trägt, richtig, ganz und gar glücklich
macht. Wie alle Menschen wollte er glücklich werden, war aber auch
bereit, alle Anstrengungen auf sich zu nehmen, um dieses Gewand zu
bekommen. Das Gewand des Glücks musste, so dachte er, der Mensch
tragen, der selbst ganz und gar glücklich war. Und so machte er sich
auf die Suche nach diesem glücklichen Menschen. Auf seiner Reise
wies man ihm den Weg zu einigen Leuten, von denen das Volk glaubte,
sie seien ganz glücklich. Leider stellte es sich immer wieder
heraus, dass es doch die eine oder andere schwere Sorge gab, oder
sich gerade ein Unglück ereignete, welches auch sie unglücklich
machte. Aber der Mann, der ausgezogen war, das Gewand des Glücks zu
finden, gab nicht auf. Nun hatte er von einem Mann gehört, der mehr
als alle anderen, ja wirklich glücklich sei. Doch als er den von ihm
Gesuchten fand, war dieser gerade gestorben. Er hatte nur ein Gewand
gehabt und das war sein Totenhemd. So schien es diesem Sucher des
Glücks, dass es das volle Glück erst nach dem Tod gäbe.
Glücklich sein will jeder Mensch. Gar vielfältig sind die
Bestrebungen der Menschen, zu diesem ersehnten Glück zu kommen. Oft
gehen auch wir selbst Irrwege der Sünde, die immer zu einem bösen
und unglücklichen Erwachen führen. Im Lateinischen gibt es ein Wort,
BEATUS, welches dem Christen aufschlüsselt, wie er glücklich
werden kann, wie sein Leben ein Volltreffer wird: Beatus heißt
übersetzt glücklich, aber auch selig, heilig. Beides gehört
zusammen. Nur ein Mensch der nach Heiligkeit strebt, kann ein Mensch
sein, der wahrhaft nach Glück strebt, so dass er ein aus Heiligkeit
und Glück verbundener glückseliger Mensch wird. Glück gibt es
nur in Verbindung mit Gott, der die Fülle allen Glücks ist, der uns
durch die Sakramente heiligen kann und dadurch sich uns ganz
schenkt. Der Prophet Jesajas drückt das so aus: „Von Herzen will ich
mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen
Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in
den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam sich festlich
schmückt und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt.“ [Jes
61.10]
Es gibt also dieses Gewand des Glücks, dieses Gewand des Heiles,
welches uns glücklich und heilig zugleich macht, und Gott möchte uns
dieses Gewand nicht vorenthalten. Ja der Apostel Paulus will, dass
ein jeder „den Herrn Jesus Christus (als neues Gewand) anlegt“ [Röm
13.14].
So möchte ich Euch am Fest der Sieben Schmerzen Mariens, dem das Fest Kreuzerhöhung vorausgeht, über dieses Gewand Christi einige Gedanken schreiben. Dieses Gewand, das wir anziehen sollen, können wir unter mehrfacher Rücksicht betrachten:
1. Das Gewand Christi als Taufkleid
Denen, die bereits Christen sind, sagt der Apostel Paulus: „Ihr
alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand)
angelegt“ [Gal 3.17]. „Mit Christus wurdet ihr in der Taufe
begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft
Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat“ [Kol 2.12]. So ist
auch das Gewand Christi gleichsam ein Totenhemd, aber eines, in
welchem er uns an seiner Freude und Glück der Auferstehung schon
hier im Leben und einst immerfort im Himmel teilhaben lässt. Im
erlösenden Gewand Christi sterben Tod und Sünde, werden vernichtet
und weichen
dem Leben in Fülle.
2. Das Gewand Christi als Gewand der Einheit, der Gnade und der
Heilung
Unter dem Gewand Christi können wir aber nicht nur das Taufkleid
betrachten, sondern auch ein Gewand der besonderen Gnade, um
Christus immer ähnlicher zu werden, immer mehr ein beatus zu
werden. Das Gewand Christi ist ein wunderbares und schönes Gewand,
von dem der Evangelist Johannes berichtet: „Sie [die Soldaten nach
der Kreuzigung] nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz
durchgewebt und ohne Naht war. Sie sagten zueinander: Wir wollen es
nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte
sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter
sich und warfen das Los um mein Gewand. [Joh 19.23-24] Das Gewand
Christi ist uns Hilfe und Garant, dass auch wir mit Gott immer
verbunden bleiben, eins bleiben. Und wenn wir uns doch einmal
durch eine schwere Sünde von ihm ganz getrennt hätten, gleich wieder
zu ihm zurückkehren. Das Gewand Christi vermittelt Schutz, Kraft und
Heilung, wie uns die Hl. Schrift bestätigt: „Sie [eine schwer kranke
Frau] hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von
hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich:
Wenn ich auch nur sein Gewand anrühre, werde ich geheilt. [Mk
5.27-28]
3. Das Gewand Christi als Gewand des Martyriums
Das Gewand Christi zu tragen bedeutet aber auch an seinem
erlösenden und befreiendem Leiden teilzuhaben. Denn: „Bekleidet war
er [Christus] mit einem blutgetränkten Gewand; und sein Name heißt
«Das Wort Gottes»“ [Off 19.13]. Immer wieder nimmt Jesus Christus
seine Freunde mit hinein in das wunderbare Abenteuer des Martyriums
der totalen Liebe, des Zeugnisses für Ihn selbst. Oft ist dies nur
ein kleines Zeugnisgeben, gelegentlich verlangt es aber auch, wie
uns die Heilsgeschichte der Kirche in ihren heiligen Martyrern
zeigt, dass der Gläubige für Christus sein Leben hingibt. Der hl.
Diakon Laurentius, der, als er auf einem Rost gebraten wurde, seine
Peiniger bat, ihn umzudrehen, weil er auf der einen Seite schon gar
sei, oder der hl. Lordkanzler Thomas Morus, der nicht seinen Kopf,
wohl aber seinen Bart aus der Guillotine nehmen wollte, weil dieser
ja nicht verurteilt worden sei, sind Beispiele von Martyrern, die
mit Humor und Freude alles Leid ertragen haben, weil sie im Glauben
wussten, dass sie jetzt ein großartiges, fruchtbares Zeugnis der
Liebe leisten dürfen und nach
ihrem Martertod aufs
engste mit Christus verbunden, ewig glücklich sind.
4.
Das Gewand für mich
In die Zeit meines ersten Ordensjahres in der SJM fiel die
Ausstellung des bis heute erhaltenen und verehrten Gewandes Christi
in Trier, so dass auch die KPE ihre Bundeswallfahrt nach Trier zum
«Hl. Rock» machte. Da gab P. Hönisch uns Ordensleuten den Rat mit
auf den Weg, Christus zu bitten, er möge uns -
geistlicherweise, aber doch ganz wirklich - sein Gewand als unser
Gewand schenken, weil es ganz wunderbar sei, diese wunderbare Gewand
Christi zu tragen. Diese Bitte empfahl er uns, zu unserem täglichen
Gebet zu machen. Diese tägliche Bitte habe ich mir seitdem zu eigen
gemacht und möchte sie jedem weiterempfehlen. Christus schenkt uns
nämlich wirklich sein Gewand, sorgt dafür, dass es uns passt, aber
vor allem auch darum, dass wir – durch seine reiche Gnade genährt –
immer besser in dieses Gewand des wahren Glücks hineinpassen. Das
Gewand Christi hilft uns, mit Christus selbst immer mehr verbunden
zu sein, ihm immer ähnlicher zu werden. Es ist uns Schutz in
Anfechtung und Versuchung, es gibt uns Kraft und Ausdauer zum Guten,
es schenkt uns Trost und Durchhaltevermögen im Leiden und
schwierigen Zeiten, es hilft uns die heiligmachende Gnade zu
bewahren und lässt uns im Glück der Freundschaft und Vereinigung mit
Christus immer tiefer wachsen. Diesen Rat möchte ich deshalb auch
weitergeben: Dein Gewand soll Christus sein!!! „Legt (als neues
Gewand) den Herrn Jesus Christus an“ [Röm 13.14]!!! Das Gewand
Christi ist immer modern, immer aktuell, immer schön, man fühlt sich
wohl darin, geborgen darin und sicher, es passt
einfach, weil es von Christus für Dich ganz und gar passend gemacht
wurde.
5.
Ein Gewand, von der Mutter Gottes gewoben
In der Lauretanischen Litanei rufen wir die Muttergottes als
Mutter der göttlichen Gnade an, weil wir wissen, dass uns Gott alle
seine Gnaden durch die Hände seiner Mutter schenkt. Das Gewand
Christi tragen zu dürfen und dieses Gewand immer mehr und dankbar zu
tragen, ist auch eine Gnade, die uns Christus durch Maria schenken
will. Die Mutter Gottes war es auch, die das Gewand Christi gewebt
hat. Sie wird jedem Bittenden Fürsprecherin sein, dass auch in unser
Gewand des Lebens mehr und mehr Fäden des Gewandes Christi
eingewoben werden. Sie wird uns immer wieder die Gnade erflehen, das
großartige Geschenk der Sündenvergebung in der hl. Beichte zu
empfangen, wo alle Risse in unserem Gewand durch die Barmherzigkeit
Gottes geheilt werden, und auch unser Gewand wieder ein Gewand ohne
Naht wird.
Die Muttergottes trägt für jeden, der sich ihr geweiht hat, eine
besondere mütterliche Verantwortung, die sie nie vergisst! Wir
brauchen uns nur immer bereitwillig von ihr an der Hand nehmen zu
lassen, denn sie führt uns immer zu ihrem Sohn. Auf unsere
himmlische Mutter ist immer Verlass. Lassen wir von ihrem roten
Faden unser Leben und unser Gewand weben...
