Servi Jesu et Mariae
Diener Jesu und Mariens
Kongregation päpstlichen Rechtes
deum Invenire in omnibus

Juni 2009

Liebe Jungen und Mädchen!

Vor einigen Wochen viel mir die Kopie eines Artikels über den großen katholischen Sozialreformer Bischof von Ketteler in die Hände. Der Bericht war überschrieben mit:

Das Geheimnis eines Bischofs[1]

«Im Jahre 1869 saßen in einer Bischofsstadt zwei Kirchenfürsten abends im ernsten Gespräch beisammen. Es war dies der Diözesanbischof einer deutschen Diözese mit seinem Gast, dem Bischof Ketteler von Mainz.

Im Laufe des Gesprächs kam der Diözesanbischof auch auf das segensreiche Wirken seines Gastes zu sprechen.

Doch Bischof Ketteler, der vor allem durch seine soziale Tätigkeit weltberühmt war, wollte die anerkennenden Worte seines Gastgebers nicht gelten lassen, sondern erklärte, alles, was er mit Gottes Hilfe erreicht habe, verdanke er dem Gebet und Opfer eines anderen, ihm freilich völlig unbekannten Menschen.

Näher danach gefragt, antwortete Bischof Ketteler ausdrücklich: „Ich kann so viel sagen, dass ich weiß, es hat sich für mich jemand mit seinem ganzen Leben dem lieben Gott geopfert und diesem Opfer habe ich es zuzuschreiben, dass ich überhaupt zum geistlichen Stande gekommen bin.“

Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1877) half durch sein Predigen, Schreiben und Wirken die soziale Not und Armut der Arbeiter des 19. Jahrhunderts zu lindern.

Ein Ereignis

Überrascht schaute der Freund den Sprechenden fragend an. Der aber fuhr fort: „Ich kann Ihnen die Sache sagen: Ich war ursprünglich nicht zum Priester bestimmt. Ich hatte meine Staatsprüfung in Rechtswissenschaft gemacht und dachte nur daran, möglichst bald voranzukommen, eine bedeutende Stelle in der Welt zu erhalten und Ehre, Genuss, Ansehen und Geld zu erwerben. Ein außerordentliches Ereignis hat mich von diesem Wege zurückgehalten und mein Leben in eine andere Bahn gelenkt. Ich war eines Abends allein im tiefdämmernden Zimmer und überließ mich meinen ehrgeizigen und genusssüchtigen Träumen und Zukunftsplänen. Ich weiß nicht, was nun geschah, wachte oder schlief ich, sah ich in Wirklichkeit oder im Traum, aber das weiß ich, dass das, was ich gesehen habe, eine Wendung für mein Leben herbeigeführt hat. Ganz klar und deutlich habe ich geschaut, wie der Heiland, sein heiligstes Herz zeigend, über mir in strahlender Wolke stand. Vor ihm kniete eine Ordensfrau und hob flehend die Hände zu ihm auf; aus seinem Munde aber hörte ich die Worte: „Sie betet ohne Unterlass für dich!“ Ich sah ganz deutlich die Gestalt der Beterin, und ihre Gesichtszüge haben sich mir so eingeprägt, dass ich sie noch heute im Gedächtnis habe. Sie schien eine ganz gewöhnliche Laienschwester zu sein. Ihr Gewand war sehr ärmlich und grob, ihre Hände waren wie von schwerer Arbeit gerötet und schwielig. Mag dem nun sein, wie da will, mag es ein Traumbild gewesen sein oder nicht, außerordentlich war es jedenfalls für mich; denn ich wurde davon so bis ins Mark hinein erschüttert, dass ich von da an beschloss, mich ganz Gott und seinem heiligen Dienste zu weihen.

Ich zog mich in ein Kloster zurück, um Exerzitien zu machen, und besprach alles mit meinem Beichtvater. Er billigte meinen Entschluss, Priester zu werden. Ich begann, 30 Jahre alt, Theologie zu studieren. Das weitere wissen Sie. Und wenn Sie nun meinen, dass durch mich irgendwie Gutes geschieht, so wissen Sie jetzt auch, wer eigentlich das Verdienst daran hat. Es ist jene Klosterfrau, die für mich gebetet hat, vielleicht ohne mich zu kennen. Denn ich bin überzeugt, dass für mich gebetet worden ist und noch im geheimen gebetet wird, und dass ich ohne dieses Gebet das Ziel, das Gott mir gesteckt hat, nicht erreichen konnte.“

„Und haben Sie eine Ahnung, wo etwa und durch wen für Sie gebetet worden ist?“, fragte der Diözesanbischof. „Niemals in meinem Leben, ich kann nur Gott täglich bitten, dass er sie, wenn sie noch auf Erden ist, segne und ihr tausendfach vergelte, was sie an mir getan.“

Ein erfüllter Wunsch

Am nächsten Tag feierte Bischof Ketteler die Heilige Messe in der Kapelle von Ordensfrauen. Während derselben teilte er an sie die heilige Kommunion aus. Schon war er am Ende der letzten Reihe angekommen, als sein Auge plötzlich bei einer Ordensschwester haften blieb. Tiefe Blässe breitete sich über sein Antlitz aus. Er stand da, ohne sich zu rühren. Ein Zittern befiel ihn. Doch raffte er sich auf und spendete der andächtig knienden Klosterfrau, die von der Verzögerung kaum etwas bemerkt hatte, die heilige Kommunion. Ruhig vollendete er dann die Heilige Messe. Eine ungewöhnlich lange Danksagung folgte darauf.

Zum Frühstück war auch der Bischof, dessen Gast er war, ins Kloster gekommen. Nach demselben nun sprach Bischof Ketteler die Bitte aus, dass ihm die Oberin sämtliche Schwestern des Hauses vorstelle. Der Wunsch wurde erfüllt. Nach kurzer Zeit meldete ihm die Oberin, dass alle Schwestern des Hauses versammelt seien. Die beiden Bischöfe begaben sich zu ihnen.

Das Auge des Gastes überflog grüßend und suchend die Reihen der Schwestern. Unbefriedigt forschte er immer wieder. Er schien nicht zu finden, was er suchte.

Leise fragte er die Oberin: „Sind wirklich alle Schwestern da?“

Die Angeredete überschaute die ganze Schwesternschar und sagte dann: „Bischöfliche Gnaden, ich ließ alle rufen, aber es fehlt in der Tat eine Schwester.“

„Warum ist sie denn nicht gekommen? Was hat sie für eine Arbeit, dass sie nicht abkommen kann?“

„Sie besorgt den Stall“, antwortete die Oberin, „und zwar in musterhafter Weise. In ihrem Eifer vergisst sie dann manchmal andere Dinge.“

„Ich wünsche die Schwester zu sehen“, sprach der Bischof.

Nach einiger Zeit trat die Gerufene herein. Wiederum erbleichte der Bischof und wiederum durchschauerte es ihn. Nachdem er einige Worte an die Schwester gerichtet halte, bat er, mit dieser Schwester allein gelassen zu werden.

„Kennen Sie mich?“, fragte sie nun der Bischof.

„Ich habe Bischöfliche Gnaden noch nie gesehen.“

„Haben Sie einmal gebetet oder gute Werke für mich aufgeopfert?“ „Es ist mir nicht bewusst, da ich von Eurer Bischöflichen Gnaden noch nie gehört habe.“

Frage und Antwort

Bischof Ketteler stand einige Augenblicke schweigend da. Dann fragte er plötzlich weiter. „Welche Andacht pflegen Sie am liebsten und häufigsten?“

Die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu“, war die Antwort. „Sie haben, wie es scheint, die schwerste Arbeit im Kloster“, fuhr der Bischof fort. „O nein, Bischöfliche Gnaden“, sagte die Schwester, „aber ich kann nicht leugnen, dass sie mir zuwider ist.“

„Und was tun sie denn, wenn solche Anfechtungen kommen?“ „Ich habe mir angewöhnt, alle Dinge, die mir Überwindung kosten, aus Liebe zum göttlichen Herzen erst recht gern und eifrig anzupacken. Und ich opfere das dann auf für eine arme Seele, die es auf dieser Welt besonders braucht. Wem der liebe Gott dafür gnädig sein will, das habe ich ihm ganz überlasen und will es nicht wissen. Auch die Stunde der Anbetung vor dem heiligsten Sakramente, jeden Abend von 8 bis 9 Uhr, opfere ich in dieser Meinung auf.“

„Und wie kommen Sie auf diesen Gedanken, all ihre Verdienste für eine ganz unbekannte Seele aufzuopfern?“

„Das ist mir immer so im Sinn gewesen schon als ich noch in der Welt draußen war“, lautete die Antwort: „Als ich in der Schule war, lehrte uns der Herr Pfarrer, dass und wie man für seine Angehörigen beten und seine Verdienste aufopfern solle. Und außerdem meinte er, solle man auch für andere, die in Gefahr sind, ihr Seelenheil zu verlieren, viel beten. Da aber Gott allein wisse, wer dessen besonders bedarf, so sei es auch das Beste, dass man seine Verdienste dem heiligsten Herzen Jesu zur Verfügung stelle, damit er sie demjenigen zugute kommen lasse, für den seine Allwissenheit und Weisheit es für gut fände.

Gott macht alles recht

So habe ich es gemacht“, schloss sie, „und immer gedacht, Gott werde die rechte Seele schon finden.“

„Wie alt sind Sie? ,,Dreiunddreißig Jahre, Bischöfliche Gnaden.“

Der Bekehrungstag

Der Bischof hielt einen Augenblick betroffen inne. Dann sagte er: „Wann sind Sie geboren?“ Die Schwester nannte den Tag. Den Lippen des Bischofs entfuhr ein Ausruf. Ihr Geburtstag war sein Bekehrungstag. An jenem Tag hatte er sie genau so vor sich gesehen, wie sie jetzt vor ihm stand. „Und wissen Sie gar nicht, ob Ihr Gebet und Opfer einen Erfolg gehabt hat?“

„Nein, Bischöfliche Gnaden“.

„Und wünschen Sie es nicht zu wissen?“

Segen

„Der liebe Gott weiß es, wenn etwas Gutes geschieht, und das ist genug“, war die einfache Antwort.

Der Bischof war erschüttert. „So fahren Sie in Gottes Namen mit diesem Werke fort“, sprach er. Die Schwester aber kniete schon zu seinen Füßen und erbat seinen Segen. Der Bischof erhob hoch und feierlich seine Hände zum Himmel und sprach mit tiefer Bewegung und Ergriffenheit: „So segne ich Sie in all der Kraft und Gewalt, die ein Bischof zum Segnen hat. Ich segne Ihre Seele, ich segne Ihre Hände und deren Arbeit, segne Ihr Beten und Opfern, Ihr Überwinden und Gehorchen, ich segne Sie für und für und ganz besonders für die letzte Stunde und bitte Gott, dass er Ihnen mit all seinem Trost beistehen möge. Das gebe Gott der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.“

„Amen“, sprach die arme Laienschwester ruhig, erhob sich und ging hinaus.

Der Kirchenführer aber trat, im Innersten erschüttert, ans Fenster und blickte, Fassung suchend, hinaus. Nach einiger Zeit verabschiedete er sich von der Oberin und kehrte in die Wohnung seines bischöflichen Freundes zurück. Diesem sagte er dann: „Nun ist jene gefunden, der ich meine Bekehrung, meinen Beruf und mein Beharren in demselben verdanke.

Es ist die letzte und ärmste Laienschwester des Klosters. Ich kann Gott nicht genug für seine Barmherzigkeit danken. Denn die Schwester betet seit kaum zwanzig Jahren für mich; Gott aber hat im voraus schon ihr Gebet angenommen, und an dem Tage, an dem sie das Licht der Welt erblickte, bereits meine Bekehrung bewirkt, im Vorauswissen ihrer fürbittenden Werke und Gebete.“

„Welch eine Lehre und Mahnung für mich“, fügte er bei. „Wenn ich je in Versuchung kommen sollte, auf gewisse Erfolge und auf mein Wirken vor den Menschen eitel zu werden, dann muss ich mir um der Wahrheit willen stets vorhalten: das verdankst du eigentlich nur dem Gebet und dem Opfer einer armen Magd im Klosterstall. Und wenn mir eine kleine und geringe Arbeit wenig wertvoll erscheinen möchte, dann sagt mir dieselbe Tatsache:

Gehorsam gegen Gott

Das, was die letzte Magd im demütigen Gehorsam gegen Gott und in Überwindung ihrer selbst tut und opfert, ist vor Gott dem Herrn so viel wert, dass diese Verdienste der Kirche einen Bischof erweckt haben.“»

Die reine Meinung

Diese große Gestalt der Ordensschwester wird zurecht unsere Bewunderung erwecken. Was für eine Ausgeglichenheit, Freude und Festigkeit strahlt sie aus. Was ist ihr Geheimnis für diese Kraft? Ihr Geheimnis ist ihre Verbindung mit Jesus Christus. Bei allem, was sie tut, denkt sie an Jesus. Alles soll zu seiner Ehre sein. Vor allem, wenn ihr etwas schwer fällt, opfert sie es Jesus auf. Aufopfern heißt: unsere Werke mit dem Erlösungswerk Christi in Kreuz und Auferstehung, mit seiner Liebe zu verbinden. Die Liebe ist immer schön und wunderbar. Und so werden auch schwere und dunkle Augenblicke im Leben zu Sternstunden, wenn wir sie mit der Liebe und dem Licht Christi verbinden. Das nennen wir die «reine Meinung». Alles in der Meinung Christi tun, uns mit seinem Willen und seiner Liebe verbinden.

Erneuerung in der Gnade und Freude

Auch unser Alltag kennt nicht nur Freude und Vergnügen, sondern auch Anstrengendes und mitunter Schweres gehört dazu: Hausaufgaben, im Haus helfen, nachgeben, sich zum Guten überwinden, immer gut zu den anderen sein, Krankheit, Erfolglosigkeit... Versuchen wir gerade in schwierigen Zeiten, durch Stoßgebete die Verbindung zu Jesus immer mehr zu festigen, mit der reinen Meinung all unser Tun Jesus zu schenken. Und dann werden wir hier auf Erden schon staunen, wie wunderbar frohmachend die Gemeinschaft mit ihm ist, und spätestens im Himmel dürfen wir – wie diese große Ordensschwester – staunend sehen, was Gott auch bei uns selbst und auch bei anderen Menschen durch unsere gute Meinung wirken wollte und konnte.

Euer in Christo per Mariam

Martin Linner SJM



[1] Am 13.02.1999 erschien mit diesem Titel unter der Rubrik «Politik und Kultur» der folgende Artikel in einer mir unbekannten Zeitschrift, deren Name nicht ausgemacht werden konnte.