Servi Jesu et Mariae
Diener Jesu und Mariens
Kongregation päpstlichen Rechtes
deum Invenire in omnibus

Bericht von P. Leopold Kropfreiter

Anfang Februar kommt Sr. Johanna von Österreich zurück. Mit dabei ist Sr. Agnes, ebenfalls eine Franziskanerin aus Vöklabruck, die mutig genug ist, in Kasachstan mitzuarbeiten. Doch zunächst muss sie allerdings noch fleißig Russisch lernen. Zu diesem Zweck lebt sie auch vor allem in Korneewka und kommt nur zu den Wochenenden „heim“ nach Tonkoschurowka. Endlich gelingt es uns auch, die Heizung soweit zu reparieren, dass sie einigermaßen ohne Unterbrechungen ihren Dienst versieht. Ich habe eine gute, wenn auch chaotische Ministrantentruppe, die recht verlässlich in den Heiligen Messen dient. Nach der Messe findet Kommunionunterricht statt, den Sr. Johanna leitet.

Anfang März erhalten wir endlich Nachschub aus Blindenmarkt. P. Martin Skalitzky trifft nach einem halben Jahr intensiver spiritueller Vorbereitung in Korneewka ein. Er hat das „Glück“, schon in den ersten Tagen seiner Anwesenheit einige wichtige Feste mitzuerleben, allem voran natürlich den internationale Frauentag am 8. März. Während dieser Tag in Europa meist recht verhalten oder gar nicht gefeiert wird, herrscht hier Ausnahmezustand. Die pflichtvergessensten Ehemänner entdecken anlässlich dieses Festes ihre Aufgaben als Gatten neu und betragen sich vorbildhaft (wobei natürlich der Gedanke hilfreich ist, dass der Frauentag nur einmal im Jahr ist). Man(n) ist freundlich, dankbar, verteilt Geschenke und spricht lobende Worte, singt und tanzt. Pater Martin kommt just in dem Augenblick in Korneewka an, als eines der lauten Feste, die zu Ehren der Frauen in der Schule abgehalten werden, am Höhepunkt angelangt ist. Da wir nach der vielstündigen Fahrt nicht in Feierstimmung sind, ergreifen wir schnell und unauffällig die Flucht.

Doch entkommen wir nicht den Festen, die in den folgenden Tagen abgehalten werden. Erst drei, vier Tage nach dem internationalen Frauentag kehrt allmählich wieder Ruhe ein. Die Leute nehmen wieder ihre Beschäftigungen auf. Martin und ich erkundigen die Gegend und besuchen einige Pfarrangehörige.

Nach und nach verliert der Winter seine Kraft. Im Laufe der Tage beginnt allmählich der Schnee auf den Dächern zu schmelzen. Vor den Häusern wird es immer schlammiger, bald sind die Wege nur noch eine unansehliche Masse von Eis, Schmutz und Schneematsch. Gerade diese Fahrverhältnisse sind recht beschwerlich, vor allem, weil der Schlamm die Autoreifen zuklebt, wodurch lenken und manövrieren fast unmöglich wird.

Bei einem Besuch bei einer orthodoxen Familie erfahren wir ein todsicheres Mittel gegen radioaktive Strahlung. Ein Thema, dass aufgrund der räumlichen Nähe zum Schaman (unserem radioaktiven Hausberg) nicht unwichtig ist. Dieses Mittel ist nichts anderes als Wodka. Unsere Gastgeber berichten, dass man in Semipalatinsk, in der Zeit, als das Atombombentestgelände noch in Betrieb war, den Menschen, die in unmittelbarer Nähe lebten, bevor eine Bombe gezündet wurde, Wodka austeilte, weil dieser die gefährliche Strahlung aufzuhalten vermag. Überhaupt sind viele Leute von dieser besonderen Fähigkeit des Wodkas völlig überzeugt. Unsere Zweifel, die wir an dieser Theorie anzubringen wagten, wurden mit dem Argument entschärft, dass man es IMMER schon so gemacht habe. (Woher die hohe Krebs/Krankheitsrate in diesen Gebieten kommt, wurde nicht endgültig geklärt. Wahrscheinlich haben diese Leute zu wenig Wodka getrunken).

Nach einigen Abschiedsbesuchen packe ich meine Sachen und fahre dorthin, wo ich eigentlich hingehöre, nach Temirtau. Die Arbeit und die Menschen dort kannte ich ja schon etwas. P. Janusch hat einige ausgezeichnete Ministranten, und einige Jungen, die darauf brennen, Ministranten zu werden. Begeistert sind sie auch vom vetus ordo und lernen (mühsam) die lateinischen Antworten.

Es besteht ein reger Kontakt mit den Mutter-Theresa-Schwestern, die nur 15 Minuten (Fußweg) von uns entferntP. Leopold Kropfreiter ihr Kloster haben. Dort leben sechs Schwestern, die in ihrem Haus etwa 20 ehemalige Drogen/Alkoholabhängige und auch Aidskranke beherbergen. Obgleich die Menschen äußerlich gesehen völlig heruntergekommen sind, haben sie einen wachen (oft leider sehr verwirrten) Geist. Einmal in der Woche habe ich gemeinsam mit einer Schwester die Aufgabe, ihnen eine Katechese zu erteilen. Einige von den Leuten haben ein profundes Bibelwissen, das sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen einbringen möchten. Auch manche Fragen, die sie stellen, sind wohl überlegt und gar nicht einfach zu beantworten. Es ist bemerkenswert, welches Interesse an Gott, an Fragen des Glaubens bei diesen Menschen vorhanden ist, die von ihren früheren Lastern deutlich gezeichnet sind: Bleiche, tief zerfurchte Gesichter, frühzeitige Erblindung (verursacht von Wodka schlechtester Qualität), tiefgelbe und schwarze Finger vom ununterbrochenen Rauchen.

Einen dieser Menschen besuchen wir im städtischen Krankenhaus, wo er auf der Intensivstation seine letzten Tage verbringt. Vor dem Eingang stoßen wir auf eine mächtige Schwester, die uns den Eintritt verwehrt. Erst als P. Janusch erklärt, dass er Priester sei, lässt sie ihn vor. Ich schaffe es, als sein Gehilfe an der Schwester vorbei zu schlüpfen. Ihre grimmigen Blicke verfolgen mich. Den beiden Missionaries of Charity gelingt es nicht, sich einen Weg an der Schwester vorbei zu bahnen (erst einige Tage später, bei einem weiteren Besuch sind sie erfolgreich, nachdem sie der Schwester einige kleine Geschenke überreicht haben). Was bei uns ein Laboratorium von verschiedensten technischen Instrumenten ist, in dem die Schwerkranken eingeklemmt von Bildschirmen und Schläuchen unter medizinischer Kontrolle stehen, ist in Kasachstan ein einfaches, großes Zimmer, in dem sich einige Betten befinden. Ihnen gegenüber steht ein Schreibtisch, an dem normalerweise eine Schwester über die Kranken wacht. Die Betten sind dieselben Stahlkonstruktionen, wie sie im gesamten Krankenhaus vorzufinden sind. Matratzen in unserem Sinn sind nicht vorhanden, nur eine dünne Matte, die auf dem Stahlgerüst liegt. Die Bettwäsche wurde allem Anschein nach schon seit geraumer Zeit nicht mehr gewechselt. Unter einer zerknüllten Decke entdecken wir unseren Todkranken. Er ist völlig ausgemergelt, die Haut dunkel gefärbt. An ihm hängen einige alte Schläuche, die mit achtlos ans Bett gebundenen Infusionen verbunden sind.

Aufgrund seiner Schwäche vermag er nicht mehr zu sprechen, doch ist er bei Bewusstsein und seine Augen sind geöffnet. Die nächsten Minuten, in denen wir ihm die Taufe, Firmung und Krankensalbung spenden sind überaus ergreifend. Er selbst hat den Empfang der Sakramente gewünscht. Immer wieder nickt er heftig, während P. Janusch das Glaubensbekenntnis vorließt, als Zeichen seines Verstehens und Einverständnisses.  Beim Spenden der Sakramente patrouilliert eine Krankenschwester vor der Tür. Immer wieder äugt sie misstrauisch herein, lässt uns aber gewähren.

Auf diese Weise erlangt die Kirche ein neues Kind, wir und die Schwestern einen Fürsprecher – er stirbt zwei Tage nach seiner Taufe im Krankenhaus. Wir erfahren es allerdings erst fast eine Woche später. Wo sein Körper beerdigt wurde ist nicht leicht herauszufinden – auf den Gräbern der Armen befinden sich keine Namen, sondern bloße Nummern, mit denen sie in irgendwelchen Karteien registriert wurden.

Innerhalb einer Woche ist hier der Schnee geschmolzen. Zunächst verwandelte  sich die Stadt in einen See oder Sumpf, aus dem hin und wieder Häuserblocks hervorragten, doch erstaunlich schnell trocknen die Wege und Straßen. Meist ist es sonnig. Wenn auch der Wind noch kühl ist, sind die Temperaturen angenehm.

An ersten Samstag des Monats besuchen wir unsere Kranken, denen die Beichte abgenommen wird. Danach empfangen sie die heilige Eucharistie. Diese Fahrt führt einen nicht nur in entlegene Schlupfwinkel der Stadt. Sie gleicht in gewisser Weise einer Reise durchs vergangene Jahrhundert. Viele sind von den Ereignissen, die wir in Geschichtsbüchern nachlesen, unmittelbar betroffen gewesen. Eine Frau (sie betet auf deutsch, spricht aber sonst russisch) stammt aus dem ehemaligen Leningrad. Als die Deutschen im Verlauf des 2. Weltkriegs die Stadt immer mehr einkesseln, werden die Deutschen, die sich in dieser Stadt  befinden, deportiert – aus Angst, sie könnten mit dem nahen Feind kollaborieren. Sie befindet sich unter diesen Vertriebenen. Ein Mann stammt ursprünglich aus Galizien (Ukraine). Sein Vater war Österreicher, der nach dem 1. Weltkrieg in der Ukraine blieb und geheiratet hat. Auch sie wurden hierher vertrieben. Immer wieder hören wir Berichte von den grauenvollen Deportationen, in deren Verlauf zahllose Menschen schon in den Waggons umkamen. Insgesamt finden sich hier deshalb zahlreiche Völkergruppen. Sie alle sprechen heute russisch (wobei deren Akzente ihre Abstammung verraten), kommen aber aus den verschiedensten Gegenden des Westens und Ostens (auch japanische Kriegsgefangene waren hier stationiert – sie mussten das Becken für den künstlichen Stausee ausgraben).

Dann wieder Katechese bei den (ehemaligen) Alkoholikern. Obwohl unter ihnen nur drei Katholiken sind, sind die Meisten mit Begeisterung bei der Sache. Mittlerweile können sie schon leidlich die verschiedenen Sakramente aufzählen und auch definieren. Mitunter kommt es auch zu theologischen Kontroversen, die allerdings meist sachlich, ohne persönliche Angriffe durchgeführt werden. Man fühlt sich dem Grundsatz verpflichtet, ernsthaft Theologie zu betreiben. Wenn auch die Frage nach der Methode noch nicht völlig geklärt wurde, so denke ich, zusammenfassend, dass man in Zukunft von der Schule zu Temirtau hören wird (wobei gerade eine Schulbildung nicht angestrebt wird – kann dies doch zu einer gewissen Engführung oder Einseitigkeit in den Fragestellungen führen). Dass wir, mittelfristig gesehen, ein Gegengewicht zu römischen und deutschen Universitäten darstellen, halte ich nur für eine logische Weiterentwicklung des momentanen Status. Als ersten Schritt in diese Richtung schlage ich die Eingliederung des Studienhauses St. Petrus Canisisus in unser Institut vor.

Sonntags besuchen etwa 90 Leute die Hl. Messe. Danach finden für Erwachsene und Kinder Katechesen statt. Dabei haben wir meist über 20 Kinder, die von einer Schwester Erstkommunion/Firmvorbereitung erhalten. Sie sind laut, ausgelassen und fröhlich. Nicht ganz einfach für die Schwester, die aber ganz gut ihre Kinder im Griff hat. Nach Tschai und Keksen zum Abschluss brechen die Leute allmählich auf. Gegen drei Uhr Nachmittag essen wir zu Mittag.

Rechtzeitig zur Karwoche wird P. Skalitzky, nach seinem ersten Monat in Kasachstan, in das Krankenhaus von Petropawlowsk eingeliefert. Seine Erkrankung ist zwar nicht genau definierbar, doch zur Prophylaxe verschreiben ihm die Ärzte zwei Spritzen täglich, die er sich im Korneewker Krankenhaus abzuholen hat. Ich vertrete ihn in den Kar- und Ostertagen in Tonkoschurowka. Am Karsamstag holt der Winter das nach, was er in den vergangenen Monaten versäumt hat. Während am Nachmittag ein heftiger Staubsturm Tonkoschurowka in einen grau-braunen Schleier hüllt, fängt es gegen Abend zu schneien an. Die Osternacht, die um 10:00 beginnt, findet im heftigen Buran statt. Das Osterfeuer, das wir im Foyer der Kirche anzünden, erlöscht mehrmals. Unser Hausmeister, etwas rat– und planlos, gießt schließlich Benzin in die Reste des Feuers. Er hat Erfolg: Eine riesige Stichflamme schießt empor. Die Leute schreien, flüchten in alle Richtungen. Ich bleibe zurück mit der Osterkerze im Arm und danke Gott, dass ich nicht Teil dieses Feuers geworden bin. Die übrige Liturgie verläuft allerdings in geordneteren Bahnen. Schön ist der Abschluss der Feier. Vor dem Schlusssegen ruft der Priester mit erhobener Stimme ins Volk: Христос воскрес! (Christos woskres – Christus ist auferstanden). Die Leute antworten: воистину воскрес! (woistinu woskres! – er ist wahrhaft auferstanden). Dieser Ruf wird noch zweimal wiederholt, immer lauter und kräftiger. Es ist ein Bekenntnis, das wir in eine in Dunkel gehüllte Welt hinausrufen: Christus ist Sieger. Das scheint auch der Schneesturm zu begreifen, der schon bald abflaut. Zurück bleibt eine Schneedecke, die sich am nächsten Morgen in Matsch verwandelt.

Gemeinsam mit Pater Peter fahren wir Ostersonntag Nachmittag nach Astana. Einige seiner Schüler haben die Gelegenheit nach Österreich zu fliegen und dort für vier bis fünf Wochen ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Wir übernachten in der erzbischöflichen Kurie, wo wir auf unseren Bischof, Generalvikar und Kanzler treffen, mit denen wir diesen Ostertag ausklingen lassen. Der Bischof ist wie immer überaus hilfsbereit und zuvorkommend als Gastgeber. Nachdem wir Pater Eichenhüller am Flughafen abgeliefert haben, geht´s zurück nach Korneewka.  Während wir uns durch (erneute) Schneestürme kämpfen, durchgeschüttelt von schlechten Straßen durch riesige Matschpfützen pflügen, besingt Pater Martin die Schönheiten dieses Landes. Die dritte Trutz-Nachtigal CD wird sich thematisch vor allem mit den Steppen Kasachstans auseinandersetzen.

Schon am Osterdienstag (es hat in der Nacht wieder geschneit: wir haben etwa 10 cm Neuschee) müssen wir wieder nach Astana – zur Anbetung, die etwa alle zwei Monate stattfindet. Ich packe meine Sachen, steige nach der Anbetung am Ostermittwoch in einen Bus und kehre zurück nach Temirtau.

mit Bischof LengaAm Weißen Sonntag werden die neuen Ministranten im Rahmen einer eigenen liturgischen Zeremonie „initialisiert“. Tags darauf beginnt die kasachische Priestertagung, die in einem Erholungszentrum, nicht weit von Karaganda, stattfindet. Anwesend sind etwa 80 Priester und 6 Bischöfe. Hier wird augenscheinlich, dass es tatsächlich sehr wenig kasachische Priester gibt. Die Meisten stammen aus Polen, es gibt viele Deutsche, aber auch Italiener, Spanier, Ukrainer, Philippiner, Slowaken, Weißrussen, usw. Es finden sich nicht nur zahlreiche Nationalitäten, sondern auch viele verschiedene Ordensinstitute: Benediktiner, Jesuiten, Franziskaner, Redemptoristen, SJM, Seligpreisungen, usw. Während der durchaus mußevollen Tagung gab es immer wieder öffentliche Diskussionen zu verschiedenen pastoralen, aber auch liturgischen Fragen. In theologischen, ethischen/moralischen und pastoralen Fragen besteht (im Unterschied zu Deutschland, Österreich) eine geschlossene Front. Vielleicht sollten wir uns auch auf unsere Pfadfinderpädagogik besinnen:  Ein hervorragender polnischer Priester hat in seiner Pfarrei eine blühende Pfadfindergruppe (nicht KPE), und wartet nur darauf, bis weitere Gruppen in Kasachstan entstehen. Immerhin hätten wir auch unter unseren Jugendlichen in Temirtau schon einige Interessenten.