Servi Jesu et Mariae
Diener Jesu und Mariens
Kongregation päpstlichen Rechtes
deum Invenire in omnibus

Psychologie und Seelsorge

19./20. Oktober, Studientagung in Blindenmarkt

Die Auffassung, Religiosität und moderne Psychologie seien unversöhnliche Gegensätze, ist weitverbreitet. Gilt dem Psychotherapeuten der gelebte Glaube nicht grundsätzlich als infantile Zwangsneurose? Und sieht er seine Aufgabe nicht ausdrücklich darin, den gläubigen Patienten von diesen „Wahnvorstellungen“ zu befreien?

Für einen bestimmten Teil der modernen Psychologie mag dieses Urteil zutreffen. In jüngster Zeit ist jedoch eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten; immer mehr Psychologen kommen zur Erkenntnis, dass Religiosität für die psychische Gesundheit des Menschen nicht schädlich ist, sondern umgekehrt eine wichtige Voraussetzung für das seelisches Gleichgewicht ist. Eine gewisse Vorreiterrolle für diese Entwicklung kommt im deutschsprachigen Raum dem Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie in Wien unter Leitung von Dr. R. Bonelli zu. Diesem Ansatz geht es nicht darum, Religiosität und Glaube durch Psychologie zu ersetzen, sondern um gegenseitige Ergänzung. Die Aufgabe des Psychotherapeuten ist folglich nicht, den Priester überflüssig zu machen, sondern mit ihm zu kooperieren. Beide sorgen sich um die seelische Gesundheit des „Patienten“, aber unter je verschiedenen Gesichtspunkten – und folglich auch mit verschiedenen Mitteln. Der Psychotherapeut muss wissen, wie weit seine Analysen und Methoden den Patienten helfen können – aber auch, dass seine Kunst an einem bestimmten Punkt endet; an einem Punkt, an dem er nur noch auf den Priester verweisen kann, nämlich dann, wenn es um die Heilung der unmittelbaren Beziehung zwischen der Seele und Gott geht. Umgekehrt muss auch der Priester seine Grenzen kennen, und zwischen persönlicher Schuld einerseits und neurologischen, psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen andererseits zu unterscheiden wissen, und darum in manchen Fällen auf professionelle ärztliche Hilfe verweisen.

Damit aber diese so wichtige Kooperation gelingen kann, bedarf es zumindest eines allgemeinen gegenseitigen Verstehens der Prinzipien und Methoden. Genau das war das Ziel unserer Studientagung Psychologie und Seelsorge. Dankenswerter Weise hatte sich Herr Mag. Benker, ein enger Mitarbeiter von Dr. Bonelli, bereit erklärt, uns zwei Tagen lang mit den grundlegenden Themen der modernen Psychologie vertraut zu machen – wozu nicht nur eine allgemeine Einführung in die Geschichte der modernen Psychologie gehörte, sondern auch speziellere Fragen wie beispielsweise die unterschiedlichen Temperamente des Menschen (und ihrer spezifischen Stärken und Schwächen) oder eine Übersicht über die häufigsten psychischen Erkrankungen unserer Zeit usw. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Analyse von verschiedenen Persönlichkeitsstörungen und Handlungsalternativen als Möglichkeiten in der seelsorglichen Beratung.

Die engagierte Vortragsweise des Referenten zusammen mit immer wieder eingeschobenen Übungen ließen die Tagung zu einem abwechslungsreichen Fortbildungsseminar werden.

Freilich, innerhalb von zwei Tagen konnte das weite Gebiet von Psychologie und Seelsorge nicht erschöpfend behandelt werden. Aber es hat den Teilnehmern nicht nur die Aktualität des Themas verdeutlicht, sondern auch ein wirkliches Interesse geweckt.

Voraussichtlich wird das Thema auf einer nächsten Tagung fortgesetzt. Interessenten sind herzlich eingeladen. Nähere Informationen können angefordert werden bei info@sjm-congregation.org.