P. Andreas Hönisch hat kurz vor seinem Tod noch einen Artikel
über das Gebet für unsere Pfadfinderzeitschrift „Die Spur“ verfasst.
Er wollte diesen Artikel auch im „Ruf des Königs“ veröffentlichen,
was wir hiermit tun.
Liebe Freunde vom „Ruf des Königs“!
Heute will ich Euch ein paar Anregungen zum Beten geben. Das
Gebet ist für uns so lebensnotwendig wie für den Fisch das Wasser.
Das Beten ist das Atmen der Seele. Wenn man nicht mehr atmet, geht
einem die Luft aus, und das ist sehr übel. Wenn man hingegen
regelmäßig betet, bekommt man von Gott die Kraft, die Sünde zu
meiden oder wenigstens sofort wieder aufzustehen, wenn man gefallen
ist. Über das Beten sind mit recht schon viele gute Bücher
geschrieben worden. Ich kann in einem solchen kleinen Artikel nicht
ein ganzes Buch ersetzen, sondern ich will nur auf ein paar Dinge
aufmerksam machen, die Euch hilfreich sein dürften für Euer eigenes
Gebetsleben. Ganz am Ende will ich Euch dann noch eine wichtige
schöne Sache ans Herz legen, die Euch in der Liebe zur Gottesmutter
Maria bestärken soll.
Es gibt – ganz grob eingeteilt – zwei Arten des Gebetes: Das
persönliche innere Gebet und das sogenannte „äußere“ Gebet mit
vorgefertigten, von der Kirche genehmigten Texten.
Das innere Gebet besteht aus ganz persönlich formulierten
Stoßgebeten oder Sätzen. Auch das Betrachten von Texten der Hl.
Schrift, wobei man immer wieder das Herz in Liebe, Dank oder Bitte
zu Gott erhebt, gehört zum Bereich des „inneren Betens“. Das innere
Beten ist ein ganz persönliches Beten und ist nicht geeignet, in
Gemeinschaft gesprochen zu werden. Heutzutage wird dies zwar öfters
versucht, z. B. bei spontan selbst formulierten Fürbitten bei der
Hl. Messe oder anderen Gottesdiensten. Ich rate aber dringend davon
ab; denn oft kann es dann zu recht peinlichen Situationen kommen. Es
gibt eben auch gerade beim Beten den ganz intimen persönlichen
Bereich zwischen dem einzelnen Menschen und Gott. Und dieser Bereich
soll auch intim bleiben!
Anders verhält es sich beim Gebet mit Texten, die von der Kirche
formuliert oder genehmigt wurden und oft schon seit Jahrhunderten
segensreich in Gebrauch sind. Ich habe dieses Beten mit fest
formulierten Sätzen das „äußere“ Beten genannt. Ich habe das Wort
eigens in Anführungsstriche gesetzt, um es nicht mit dem Wort
„äußerlich“ zu verwechseln. Äußerlich würde in diesem Zusammenhang
so viel bedeuten wie oberflächlich, nicht mit dem Herzen beten. Das
trifft aber für das Beten in fest gefügten Texten nicht zu,
wenigstens sollte es nicht zutreffen; denn das Beten in
vorgegebenen, von der Kirche gut geheißenen Texten soll kein
gedankenloses Geplapper sein, sondern ebenfalls ein Beten mit Herz
und Verstand so wie das oben erwähnte innere Gebet. Das „äußere“
Gebet kann man alleine privat oder auch in Gemeinschaft beten. Ihr
kennt genügend Beispiele von solchen Gebeten: Vater Unser, Ehre sei
dem Vater, Ave Maria, den Rosenkranz, das Glaubensbekenntnis, das
Gloria der Hl. Messe, dann die herrlichen Sequenzen des
Kirchenjahres in der Hl. Messe, die da sind z. B. die Sequenz an
Ostern (Victimae paschali laudes), die an Pfingsten (Veni Sancte
Spiritus) und die an Fronleichnam (Lauda Sion Salvatorem), und dann
die fast in Vergessenheit geratene erschütternde Sequenz in der Hl.
Messe für Verstorbene (Dies irae, dies illa). Und dann gibt es die
vielen von der Kirche approbierten Litaneien. Natürlich fallen unter
„äußere“ Gebete auch die bekannten von der Kirche gut geheißenen
Morgen-, Tisch, - und Abendgebete.
Ich habe bewusst einmal auf die vielen Möglichkeiten solcher
Gebete hingewiesen, nicht damit ich Euch entmutige, weil ihr
wahrscheinlich gemerkt habt, wie wenig bekannt Euch manche dieser
von mir erwähnten Gebete sind. Sondern ich wollte euch den „Mund
wässrig machen“, damit ihr euch einmal eines der guten (und oft
alten) Gebetbücher oder einen alten Schott (Buch mit den Texten der
Hl. Messe) unter den Nagel reißt und in ihm herumstöbert, um die von
mir erwähnten Gebete zu finden und natürlich auch das eine oder
andere zu beten.
Wenn wir wollen, dass unser Beten auch immer mit dem Gebet der
Kirche übereinstimmt, können wir nicht immer nur in selbst
formulierten Gebeten beten, so gut auch das ganz persönlich
formulierte Gebet ist. Wenn wir wollen, dass unser eigener
„Gebetsschatz“ reich wird und nicht verkümmert, ist es notwendig,
dass wir im Laufe der Zeit neben dem Vater Unser und Ave Maria auch
andere klassische Gebete der Kirche auswendig beten können, so dass
wir nicht immer ein Gebetbuch brauchen, das uns vielleicht gerade
nicht zur Verfügung steht, wenn wir beten wollen. Man braucht die
Gebete nicht eigens auswendig zu lernen wie in der Schule. Vielmehr
werden wir die Gebete auswendig kennen lernen, wenn wir sie oft
beten. Wir werden dann auch den inneren Reichtum der Gebete der
Kirche erfahren und viel Kraft und Trost aus ihnen schöpfen.
Heute will ich nur in Teilen ein wunderbares Gebet der Kirche
vorstellen: Die Litanei zur allerseligsten Jungfrau Maria, die
sogenannte „Lauretanische Litanei“: Die katholische Kirche kann
nicht genug tun, der Mutter unseres Herrn und Gottes Jesus Christus
eine übergroße Anzahl von Ehrentiteln zu verleihen. Ein Großteil
davon findet sich in der Lauretanischen Litanei wieder. Ich will sie
hier nicht alle aufzählen. Man findet sie übrigens in jedem halbwegs
ordentlichen katholischen Gebetbuch. Aber einige will ich doch in
Erinnerung rufen: „Mutter Christi, Mutter der göttlichen Gnade, Du
reinste Mutter, Du keuscheste Mutter, Du unversehrte Mutter, Du
wunderbare Mutter, Du Mutter des guten Rates, Du Mutter des
Erlösers, Du Mutter der Kirche, Du weiseste Jungfrau, Du Hilfe der
Christen, Du Heil der Kranken, Du Trösterin der Betrübten, Du
Zuflucht der Sünder, Du Königin der Engel, Du Königin des
hochheiligen Rosenkranzes, Du Königin aller Heiligen!“
Das waren jetzt nur einige der Ehrentitel, welche die Mutter
Kirche ihrer Mutter Maria gegeben hat. Über jeden der Titel lohnt es
sich, im Gebet näher nachzudenken und unversehens werden wir mit der
Gottesmutter ins Gespräch kommen. Und schon sind wir vom „äußeren“
Beten ins innere Beten übergegangen. Beide Gebetsweisen ergänzen
sich. Aber das „äußere“ Beten der Kirche ist eine nie versiegende
Quelle für das innere Beten. Manche Menschen halten nicht viel vom
„äußeren“ Beten, und manche lehnen es sogar ab als „vorgefertigtes
Geplapper“. Das ist die größte Dummheit, die man begehen kann, wenn
es ums Beten geht. Wir brauchen das offizielle Beten der Kirche,
damit wir mit der Kirche tief verbunden bleiben und damit wir den
Rücken gestärkt bekommen im Bewusstsein der Tatsache, dass wir
vereint mit Millionen von Katholiken auf der ganzen Welt gemeinsam
beten! Dies ist eine ganz große Kraftquelle. Und noch einmal: Die
offiziellen Gebete der Kirche sind zugleich eine nie versiegende
Quelle für unser inneres ganz persönliches Beten!
Es gibt viele Menschen, welche die Lauretanische Litanei
auswendig kennen, weil sie täglich diese Litanei beten. Es wäre
natürlich eine ganz tolle Sache, wenn wir im Laufe der Zeit diese
Litanei auch auswendig beten könnten. Angenommen wir nehmen uns vor,
sie an jedem Samstag zu beten, der Samstag ist ja der Tag der
Gottesmutter. Dann werden wir alle Titel der allerseligsten Jungfrau
Maria bald kennen, ohne ein Gebetbuch aufschlagen zu müssen.
Nun kann man natürlich fragen, warum ich mir für diesen Artikel
ausgerechnet die Lauretanische Litanei ausgesucht habe und nicht ein
anderes der vielen schönen Gebete der Kirche. Dies hat eine kleine
Vorgeschichte, die ich Euch nicht verheimlichen will:
Die Lauretanische Litanei hat ihren Namen vom weltberühmten
Wallfahrtsort Loreto in Italien. In Loreto befindet sich die Casa
Santa, das Haus der Heiligen Familie, welches der Überlieferung
zufolge von Engeln aus Nazaret zunächst nach Dalmatien und später
nach Italien getragen wurde. Kaplan Gottfried Melzer hat ein kleines
Bändchen herausgegeben, in dem Ihr alles nachlesen könnt. Es ist im
Theresia Verlag erschienen und heißt: „Loreto, der erste und
ehrwürdigste Marienwallfahrtsort“.
Man hat – wie könnte es leider anders sein – in neuerer Zeit mit
allen möglichen Wenn und Aber versucht, das Wunder anzuzweifeln und
es als ein mehr oder weniger frommes Märchen des Mittelalters zu
bezeichnen. Wenn man aber in aller Ruhe unvoreingenommen alle Fakten
der Historie bedenkt und wenn man feststellen muss, dass Heilige und
Päpste bis in die allerneueste Zeit diesen Wallfahrtsort für echt
eingestuft haben, wird man die Märchentheorie nicht halten können.
Aber das können die Interessierten ja selber nachlesen. Unter den
vielen Zeugen will ich nur einen anführen, der uns deutschen
Katholiken ja bekannt sein dürfte und der hoch erhaben über alle
ungeprüften Aussagen steht. Es ist der hl. Petrus Canisius, der
zweite Apostel Deutschlands. Ich zitiere seine Worte über Loreto:
„Wer könnte in einer Rede kurz all die großen und wunderbaren
Früchte und Wirkungen des Marienkultes der Loretowallfahrt
zusammenfassen? Hier darf man mit Grund das Schriftwort anwenden:
Wahrlich, der Herr ist an dieser Stätte (Gen 28,16)! Fast ungezählte
Volksscharen besuchen dieses heilige Haus Mariens, und die meisten
dieser Wallfahrer erleben hier herrliche Beispiele des wahren
Glaubens, des Bußgeistes, der Nächstenliebe, der Demut und der
Frömmigkeit. Wer das sieht, wird mit Staunen und Bewunderung
erfüllt. Manchem kommen die Tränen, und die Frommen empfinden darob
süßen Trost. Es ist gar nichts Seltenes, dass dort fremde Besucher
ihre geistigen Krankheiten erkennen, einen Arzt, nämlich einen der
erfahrenen Beichtväter, aufsuchen und bei ihm ein genaues Bekenntnis
all ihrer Vergehen ablegen. Menschen, die ihre Seelen viele Jahre
mit dem hässlichsten Sündenschmutz befleckt hatten, eilen dorthin
und zeigen ihren Aussatz den Priestern, um davon geheilt zu werden.“
Soweit der hl. Petrus Canisius SJ. Schon sehr bald nach Gründung
des Jesuitenordens wurde der Wallfahrtsort den Jesuitenpatres
anvertraut. Die Kirche hat auch ein eigenes Fest zu Ehren der
Übertragung des Heiligen Hauses von Nazaret nach Loreto angeordnet.
Es ist jedes Jahr am 10. Dezember.
Im Jahr 2007 wurde mir genau am 10. Dezember die Nachricht
durchtelefoniert, dass nach der dritten Herzoperation das Leben
unseres Präsidenten der KPE auf dem Spiel stand, die Nieren
versagten plötzlich und der Arzt ließ sich zu dem Ausspruch
hinreißen: „Das Leben steht auf der Kippe!“ Da habe ich der
Muttergottes gesagt, wenn die Krankheit eine gute Wende nehme, werde
ich alles dransetzen, um über den Wallfahrtsort Loreto zu schreiben
und ihn bekannt zu machen, zumal dieser Ort im Lande der sogenannten
„Reformation“, also in Deutschland, in Vergessenheit geraten ist,
wenn nicht sogar lächerlich gemacht wurde. Noch am selben Abend
bekam ich die Nachricht, dass die Nieren wieder arbeiten würden und
die schlimmste Krise überwunden sei. Deshalb wollte ich mit diesem
Artikel mein Versprechen einlösen. Jetzt wisst Ihr auch, warum ich
mich für Loreto stark gemacht habe.
Pflegen wir eifrig das Gebet – sowohl mit den Worten der Kirche,
als auch mit unseren eigenen Worten. Dann bleiben wir immer in
direkter Verbindung mit dem Lieben Gott, der in allen Höhen und
Tiefen unseres Lebens bei uns bleiben wird.
